Küste von Rom

Lavinium

Lavinium 160117 043

Terrakottastatuen im Muesum Lavinium, Pratica di Mare

Die Mutterstadt Roms – Besuch im Museum in Pratica di Mare 

Etwa 30 km südlich von Rom findet man das winzige Dorf Pratica di Mare, das allerdings anders als der Name suggeriert etwa drei Kilometer hinter der Küste liegt. Es hat noch eine Stadtmauer, ein kleines Kastell (bewohnt, daher nicht zu besichtigen) und weniger als 20 Einwohner. Pratica, den kleinste Stadtteil von Pomezia, kennen die Römer vor allem wegen des nahen Militärflugplatz auf dem Flugshows stattfinden oder im Ausland befreite Geiseln ankommen. Weniger bekannt ist die lange Geschichte. Pratica ist viel älter als Rom. Sehr viel älter.

Der Ort, damals Lavinium, soll von Trojanern gegründet worden sein. Also nicht von den Viren, die ihr auf eurem PC findet sondern von den Trojanern, die Opfer des ersten Trojaners, programmiert von einem gewissen Odysseus, wurden. Nachzulesen bei Homer. Die Griechen, die die kleinasiatische Metropole Troja seit 10 Jahren erfolglos belagerten, ließen ein hölzernes Pferd am Strand zurück. Nur der Priester Laokoon stemmte sich dagegen, das vermeintliche Geschenk anzunehmen und bezahlte den Widerstand mit dem Leben. Kaum in der Stadt sprangen griechische Krieger aus dem Pferd, legten Feuer und öffneten ihren Kollegen die Tore. Troja ging unter.

Die Fortsetzung schrieb der römische Dichter Vergil. In seiner Aeneis beschreibt er wie der Held Äneas mit einem Teil der Trojaner, also der Bewohner Trojas, fliehen konnte und eine abenteuerliche Irrfahrt übers Mittelmeer antrat. Dort wo sich heute der Flughafen von Pratica di Mare erstreckt, lag in der Antike eine Lagune, die vom Meer aus erreichbar war. Dort fanden die letzten vier Schiffe der Flotte des Äneas schließlich ihr Ziel. Doch fanden sie sich sogleich zwischen zwei Völkern wieder, den Latinern unter König Latinus und den, wahrscheinlich mit den Etruskern verwandten, Rutulern aus Ardea, heute noch Nachbarstadt von Pomezia. Deren König Turnus begehrte jedoch die gleiche Frau wie Äneas, ein Element, das zwangsläufig in so einer Heldensage vorkommt. Latinus hatte seine Tochter Lavinia Äneas versprochen, doch Amata die Mutter favorisierte Turnus als Schwiegersohn. Nach dem resultierenden Krieg und dem Tod von Turnus konnte Äneas Lavinia heiraten und ihr zu Ehren die Stadt Lavinium gründen in der Trojaner und Latiner sich fortan vermischten. Deren Sohn Iulus wiederum gründete Alba Longa und sein dort geborener Nachfahre Romulus schließlich Rom. Vergil dichtete also nicht weniger als die Gründersage Roms und setzte die Trojaner in die Ahnenreihe der Römer.

Natürlich kommt im Museum Lavinium, gleich neben dem Dorf, auch Äneas vor. Doch die Geschichte ist tatsächlich Dichtung und sollte die Römer mit der vermeintlichen griechischen Herkunft adeln. Archäologische Funde bestätigen allerdings, dass Lavinium seit der Bronzezeit besiedelt war. Das würde zeitlich mit dem Untergang Trojas, den die meisten Forscher ins 12. Jhd. v. Chr. legen, zusammenpassen. Dort wo sich heute das Dorf Pratica befindet, befand sich die Akropolis der Stadt. Die Straße, die am Museum vorbei zur modernen Via del Mare führt, entspricht wohl der antiken Hauptstraße der Siedlung. Im 8. Jhd. v. Chr. wurde Lavinium nach Süden vergrößert und erreichte im 6. Jhd. ihren Höhepunkt. 1963 fand man bei Ausgrabungen, die von Professor Castagnoli vom Topografischen Institut der Universität Rom geleitet wurden, die Reste eines Tempel der Minerva geweiht war. Daneben ein Depot mit zahlreichen, vor allem Mädchen darstellenden, Terrakottafiguren, die Hauptausstellungsstücke des multimedial modern gestalteten Museums sind. Die eindrucksvollste sieht man gleich am Eingang des 2005 eröffneten Museums, die Göttin selbst, die Minerva Tritonia. Die archaische Figur wird auf das fünfte vorchristliche Jahrhundert datiert. Die hagere Figur hat einen griechischen Helm auf und eine Gorgon auf der Brust. Um ihren Körper windet sich eine dreiköpfige Schlange. Die detailreich gestaltete Statue führt den Besucher in eine ferne mystische Vergangenheit.

Bei der Ausgrabungskampagne wurden südlich der Akropolis auf den Feldern 13 Altäre aus verschiedenen Epochen ausgegraben. Später entdeckte man noch einen 14ten. Man schließt daraus, dass ab dem 6. Jhd. v. Chr. Lavinium religiöses Zentrum der latinischen Städte war und jede Stadt einen Altar, fein säuberlich aufgereiht, in Lavinium unterhielt. Doch nach und nach wurde Rom zum Zentrum und Lavinium verlor an Bedeutung. Ab dem 2. Jhd. v. Chr. wurde das Heiligtum wohl nicht mehr benutzt. Alle Aufmerksamkeit war nun auf Rom auf seine Tempel gerichtet.

Ganz in der Nähe fand man ein Hügelgrab, das als vermeintliches Grab des Äneas verehrt wurde. Während die reale Bedeutung Laviniums abnahm, wuchs seine mythologische Strahlkraft. Kurz vor der Zeitenwende, um 30 v. Chr. schrieb Vergil die abenteuerliche Reise des Äneas und der Gründung Laviniums als Mutterstadt Roms, während der reale Ort längst nur ein unwichtiger Vorort war. Die Geschichte Laviniums verliert sich in der Völkerwanderungszeit. Doch untergegangen ist es nie. Irgendwann in der dunklen Zeit des Mittelalters wurde daraus Pratica di Mare. Im schön gestalteten Museum kann man auf eine 3000jährige Reise in seine Vergangenheit wandern.

Quelle: Homepage des Museums, Vergils Äneis im Wortlaut

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Buchung und Auskunft unter: info@stadtbesichtigungen.de
oder Telefon: +39 – 346 – 8533377

 

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Minerva Tritonia, 5. Jhd. v.Chr., Museum Lavinium

Lavinium 160117 008

Mädchen mit Taube, 5. Jhd. v.Chr., Museum Lavinium

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Die 13 Altäre von Lavinium

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Pratica di Mare mit Castello Borghese

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